In dieser Folge von Didaktik:Dialog spreche ich mit Cathrin Reisenauer vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck, die zusätzlich als Beratungslehrerin in Tirol tätig ist, über inklusive Pädagogik, gemeinsames Lernen in heterogenen Klassen und die Frage, wie Schule zu einem Ort werden kann, an dem wirklich alle Kinder ihren Platz haben.
Ausgangspunkt ist die Frage, was inklusive Pädagogik im Kern will und warum Vielfalt nicht als Belastung, sondern als Ressource verstanden werden sollte. Cathrin macht deutlich, dass Inklusion mehr ist als das Nebeneinander von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf und keine Aufgabe einiger weniger spezialisierter Lehrpersonen, sondern eine gemeinsame Verantwortung aller in der Schule tätigen Personen.
Anhand konkreter Beispiele aus ihrer Arbeit diskutieren wir, wie inklusiver Unterricht praktisch aussehen kann, warum das verbreitete Modell, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus der Klasse herauszunehmen, kritisch zu betrachten ist und warum die Orientierung an einem fiktiven Durchschnittsschüler nicht nur langsam, sondern auch schnell lernende Kinder zurücklässt.
Ein zentrales Konzept ist die Entwicklungslogische Didaktik nach Georg Feuser mit ihren Prämissen Kooperation am gemeinsamen Gegenstand und innere Differenzierung. Cathrin erläutert, wie diese Theorie über Differenzierungsmatrizen in konkretes Material übersetzt wird, und spricht über das Lehr-Lern-Labor der Universität Innsbruck, in dem Lernkisten für Schulen entwickelt werden.
Ein zweiter Strang ist die verstehende Diagnostik als Zugang zu herausforderndem Verhalten. An einem eindrücklichen Beispiel zeigt Cathrin, wie der Wechsel von der Frage „Warum?" zur Frage „Wozu?" Lehrpersonen neue Handlungsoptionen eröffnet, die Beziehung stärkt und das eigene Stresserleben reduziert.
Weitere Themen:
- Inklusion zwischen Segregation, Integration und Inklusion: Warum die Umsetzung stark vom Inklusionsverständnis der Schule abhängt.
- Theorie-Praxis-Transfer: Wie die Doppeltätigkeit als Wissenschaftlerin und Beratungslehrerin beide Bereiche befruchtet.
- Lernen am gemeinsamen Gegenstand: Wie ein Thema wie die Wärmelehre auf sensomotorischer, handelnder und symbolischer Ebene zugleich bearbeitet werden kann.
- Beziehung als Kern pädagogischer Arbeit: Warum Verstehen auch die Lehrperson selbst entlastet.
- Hospitieren als Lernform: Warum Bilder im Kopf von gelingendem inklusiven Unterricht oft fehlen und wie Hospitationen diese Lücke schließen.
Eine Folge über inklusive Pädagogik als gemeinsame Verantwortung, über didaktische Modelle, die Vielfalt im Klassenzimmer produktiv machen, und darüber, warum Verstehen oft der wirksamste pädagogische Zugang ist.
Ressourcen und Links:
- Cathrin Reisenauer / Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung
- Lehr-Lern-Labor für Inklusive Bildung an der Universität Innsbruck – Lernkisten und Materialien für inklusiven Unterricht
- Index für Inklusion – Selbstevaluation für inklusive Kulturen, Strukturen und Praktiken
- Entwicklungslogische Didaktik nach Georg Feuser – Grundlagentexte zur inneren Differenzierung
- Deutscher Schulpreis – ausgezeichnete Schulen für Hospitationen
- Österreichischer Staatspreis Innovative Schulen – ausgezeichnete Schulen in Österreich